Mehr Moor, mehr Stechmücken?

Patrick Gutjahr hat drei Jahre im Unteren Peenetal Stechmücken (Diptera:Culicidae) auf naturnahen, entwässerten und wiedervernässten Flächen und angrenzenden Siedlungen im Projekt CuliMoor untersucht. Bisher gibt es dazu noch nicht viele Daten. Doch diese sind wichtig, um diese Ökosysteme zu restaurieren, gleichzeitig die Gesundheit von Menschen und Tieren zu schützen und Mythen entgegenzuwirken.

 

Patrick Gutjahr untersucht Mücken

Herr Gutjahr, ein „Stechmückenmonitoring“ in wiedervernässtem Moor– wie sähe da der best case und der worst case aus?
Der best case wäre ein ganz diverses Stechmückenvorkommen mit hohem Ökosystemwert, die Mücken halten sich nur in einem kleinen Radius zum Brutgebiet auf und tragen keine Krankheitserreger. Entsprechend der worst case: viele Vertreter weniger Stechmückenarten, die im Moor brüten, aber bei der Wirtssuche weit in umliegende Ortschaften fliegen und Krankheitserreger tragen.
Ich sage bewusst tragen, nicht übertragen, denn ob eine Stechmücke einen Erreger nicht nur aufnehmen sondern auch weitergeben kann, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Am wichtigsten: Nicht jede Stechmücke ist ein Vektor, also ein Überträger, für Krankheitserreger und nicht jeder Vektor kann jeden Erreger übertragen. Es kommt auf die spezifische Kombination an. Wir sprechen dann von der Vektorkompetenz einer Stechmückenart bzgl. eines bestimmten Erregers. Für viele unserer einheimischen Arten gibt es solche Untersuchungen bisher aber leider nicht bzw. nicht für alle potentiell zirkulierenden Erreger. Es braucht dazu aufwendige Laborversuche, die wir auch in unserem Projekt nicht abdecken können.

 

Und was haben Sie für Ihr Untersuchungsgebiet herausgefunden?
Unser Untersuchungsgebiet waren „nur“ rund 4000 ha groß – östlich von Anklam bis Anklamer Stadtbruch, sowie die Polder Bargischow Nord, Süd und Schanzenberg. Für ein Monitoring ein eher kleines Gebiet, aber wir können jetzt die Artgemeinschaften der Steckmücken den nassen, trockenen und den Siedlungsgebieten zuordnen.  Die nassen Flächen im Peenetalmoor sind geprägt von Artgemeinschaften, die Eier eher auf temporär überstauten Überschwemmungsflächen mit dichter Vegetation ablegen. In Ortschaften findet man eher Arten, die ihre Eier allerdings auf stehenden, eher permanenten Gewässern wie z.B. in Regentonnen ablegenWir haben zwar mehr Individuen einiger Arten in den nassen Flächen und insgesamt fast 30 verschiedene Arten gefunden – das sind schon viele auf einem vergleichsweise kleinen Raum - aber keine erhöhte Belastung mit Krankheitserregern, also auch kein erhöhtes Infektionsrisiko im Vergleich zu dem, was im Umland zu erwarten wäre.
Wir haben auch die Lebensbedingungen für die Stechmücken in den jeweiligen Lebensräumen untersucht, z.B. die Luftfeuchtigkeit oder die Größe der Wasseroberfläche. Diese Bedingungen könnten dann mögliche Stellschrauben sein, um die Population zu beeinflussen.

Die Arten mit verschiedenen Brutstrategien scheinen aber auch wenig Tendenz zu zeigen, ihr bevorzugtes Brutareal zu verlassen, obwohl sie zum Teil weite Distanzen, teilweise zwischen 10-20 km, zurücklegen können. Das sind insgesamt erstmal gute Nachrichten für Anwohnende. Sie müssen sich also keine Sorgen machen.

Warum sind diese Ergebnisse wichtig?

Erfahrungsgemäß gibt es viele Stechmücken in Mooren und auch viele Mythen zu Gefahren, die sie für Menschen und Tiere haben. Aber es gibt nur wenige Forschungsdaten dazu. Die Verbreitung von Krankheitserregern und ihren Überträgern in Mooren ist ein weißer Fleck; noch niemand hat sich damit so richtig befasst .

Es ist nicht entscheidend, wie viele Stechmücken es in Mooren gibt. Entscheidend für die Abschätzung des Infektionsrisikos durch Wiedervernässung ist, welche Wirte sie für ihre Blutmahlzeit anfliegen, welche Erreger sie tragen können und ob und wie sie mit Menschen und (Nutz-)tieren in Kontakt kommen..

Aus dem Projekt CuliMoor haben wir jetzt erstmals einen vollständigen Datensatz, an dem die Fachgebiete der Landschaftsökologie, der Vektorökologie, Virologie und der Epidemiologie vereint beteiligt waren. Damit kann man Sicherheit und Transparenz schaffen, denn viele Menschen sind interessiert und besorgt. Es bleibt aber wichtig, Pauschalisierungen zu vermeiden.

Was heißt das genau?

Es gibt kaum Stechmückenarten in Deutschland die sich speziell als „Moormücken“ charakterisieren lassen. Es gibt es unterscheidbare Artgemeinschaften. Wir gehen davon aus, die Gemeinschaften hängen mit Moortyp und -nutzung zusammen. Mit Sicherheit sagen lässt sich das nach unserer Pilotstudie noch nicht. Es ist sehr wichtig, genau zu wissen mit welchen Arten man es zu tun hat. Das zeigt sich zum Beispiel am seit 2018 in Deutschland etablierten West-Nil Virus (WNV), das sich vor allem in den neuen Bundesländern und im Großraum Berlin mittlerweile häufig findet. Der Erreger kann beim Menschen zum Westnilfieber, einer meist grippeähnlich verlaufenden Infektion, führen. Er wird bei uns vor allem durch die Gemeine Hausmücke (Culex pipiens s.l.) übertragen. Also einer Stechmückenart, die sich besonders dominant in Siedlungsbereichen findet. Da diese Art zwar auch in nassen Mooren vorkommt, allerdings meist deutlich weniger dominant als in Siedlungen, ist bezogen auf diesen Errger also von einem veränderten Infektionsrisiko auszugehen. Der pauschale Ansatz: „Mehr nasse Moore -> mehr Stechmücken -> höheres Infektionsrisiko“ ist also wahrscheinlich zu kurz gegriffen. Wir dürfen auch nicht vergessen: Stechmücken sind in vielen Ökosystemen auch wichtig als Beute oder manchmal sogar als Bestäuber.

 

Warum sind diese Ergebnisse wichtig?

Erfahrungsgemäß gibt es viele Stechmücken in Mooren und auch viele Mythen zu Gefahren, die sie für Menschen und Tiere haben. Aber es gibt nur wenige Forschungsdaten dazu. Die Verbreitung von Krankheitserregern und ihren Überträgern in Mooren ist ein weißer Fleck; noch niemand hat sich damit so richtig befasst .

Es ist nicht entscheidend, wie viele Stechmücken es in Mooren gibt. Entscheidend für die Abschätzung des Infektionsrisikos durch Wiedervernässung ist, welche Wirte sie für ihre Blutmahlzeit anfliegen, welche Erreger sie tragen können und ob und wie sie mit Menschen und (Nutz-)tieren in Kontakt kommen..

Aus dem Projekt CuliMoor haben wir jetzt erstmals einen vollständigen Datensatz, an dem die Fachgebiete der Landschaftsökologie, der Vektorökologie, Virologie und der Epidemiologie vereint beteiligt waren. Damit kann man Sicherheit und Transparenz schaffen, denn viele Menschen sind interessiert und besorgt. Es bleibt aber wichtig, Pauschalisierungen zu vermeiden.

Was heißt das genau?

Es gibt kaum Stechmückenarten in Deutschland die sich speziell als „Moormücken“ charakterisieren lassen. Es gibt es unterscheidbare Artgemeinschaften. Wir gehen davon aus, die Gemeinschaften hängen mit Moortyp und -nutzung zusammen. Mit Sicherheit sagen lässt sich das nach unserer Pilotstudie noch nicht. Es ist sehr wichtig, genau zu wissen mit welchen Arten man es zu tun hat. Das zeigt sich zum Beispiel am seit 2018 in Deutschland etablierten West-Nil Virus (WNV), das sich vor allem in den neuen Bundesländern und im Großraum Berlin mittlerweile häufig findet. Der Erreger kann beim Menschen zum Westnilfieber, einer meist grippeähnlich verlaufenden Infektion, führen. Er wird bei uns vor allem durch die Gemeine Hausmücke (Culex pipiens s.l.) übertragen. Also einer Stechmückenart, die sich besonders dominant in Siedlungsbereichen findet. Da diese Art zwar auch in nassen Mooren vorkommt, allerdings meist deutlich weniger dominant als in Siedlungen, ist bezogen auf diesen Errger also von einem veränderten Infektionsrisiko auszugehen. Der pauschale Ansatz: „Mehr nasse Moore -> mehr Stechmücken -> höheres Infektionsrisiko“ ist also wahrscheinlich zu kurz gegriffen. Wir dürfen auch nicht vergessen: Stechmücken sind in vielen Ökosystemen auch wichtig als Beute oder manchmal sogar als Bestäuber.

 

Wie geht so ein Monitoring ganz konkret?

Wir haben in unserer Studie Fallen „im Feld“ verteilt.. Von April-November waren diese alle zwei Wochen für je 24 Stunden eingeschaltet.

 

Und die Fallen funktionieren wie?

Es sind aktive Duftfallen. Sie imitieren die Atmung und den Körpergeruch von Säugetieren und locken Stechmückenweibchen nach der Paarung an. Nur die befruchteten Weibchen sind blutsaugend, ansonsten sind Stechmücken Vegetarier. Ein kleiner Ventilator erzeugt einen Sog, die Stechmücken werden in ein Netz gezogen und dort festgehalten bis wir die Probe am nächsten Tag einsammeln und mit ins Labor nehmen
Zur Ergänzung haben wir Brutgewässerproben genommen. Damit können wir nachweisen, ob in Fallen gefangenen Tiere auch im Moor und evtl. dort mehr als anderswo brüten. Außerdem gibt es Arten die nur schlecht oder gar nicht auf die Fallen reagieren, weil die Fallen eben Säugetiere imitieren und manche Stechmückenarten lieber Vögel oder Amphibien und Reptilien anfliegen.  Wir bekommen damit Hinweise auf die Distanz zwischen den Brutflächen und den Fallenfängen – das kann ziemlich entscheidend sein.

 

Dann geht es im Labor weiter?

Dort bestimmen wir die Arten und ihre Häufigkeit anhand äußerer Merkmale und mittels genetischer Untersuchung. Die häufigsten Arten und blutgesogenen Tiere testen wir auf Viren und Parasiten und können den Blutwirt bestimmen. Allerdings finden wir eher selten Mücken mit „vollem Magen“, denn diese ziehen sich für zwei bis drei Tage zur Verdauung vor der Eiablage zurück und reagieren dann nicht mehr auf die Fallen. Außer Fischen sind übrigens alle Wirbeltiergruppen von Stechmückenstichen betroffen, auch Vögel oder Amphibien und Reptilien.

 

Was passiert mit den Forschungsergebnissen?
Wiedervernässungsprojekte werden zum Glück häufiger und da sollen unsere Ergebnisse mit einfließen, um die Hauptbefürchtung – also „Malaria-Unfug“ – bei den Anwohnern zu entkräften und über die Ökologie und Epidemiologie an Hand fundierter Forschungsergebnisse aufzuklären. Unsere Resultate lassen sich auch übertragen, hauptsächlich für Niedermoore im südlichen Ostseeraum oder für Gebiete mit vergleichbaren Wasserstandswechsel. Das können unter bestimmten Umständen Randbereiche von Auen oder Seen sein.

Das Projekt CuliMoor – Erhebung der Stechmückenfauna (Diptera Culicidae) im Rahmen der Wiedervernässung von Mooren hinsichtlich der Bewertung des Auftretens von Zoonosen des Friedrich-Loeffler-Instituts und Greifswald Moor Centrum identifizierte von 2023-2026 nicht ganz 140.000 Stechmücken aus knapp 30 Arten und fünf Gattungen aus naturnahen, entwässerten und wiedervernässten Flächen und angrenzenden Siedlungsgebieten um die Risiken zu bewertet, die sie für Menschen und Tiere in den Gebieten evtl. bergen.